Hildegard-Jadamowitz-Straße
Man muß schon lange suchen, um in Friedrichshain Straßen zu finden, die nach Frauen benannt sind. Sie lassen sich an einer Hand abzählen. Eine davon ist die Hildegard-Jadamowitz-Straße. Bescheiden windet sie sich hinter den imposanten Bauten der Karl-Marx-Allee von der Straße der Pariser Kommune bis zum Irgendwo hinterm Frankfurter Tor, wo früher noch Boxhagener Straße war.
In alten Stadtplänen sucht man die Straße vergeblich, sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau des Wohnquartiers hinter der Stalin-Allee (heute Karl-Marx-Allee) neu angelegt. Den Namen von Hildegard Jadamowitz erhielt sie im Dezember 1957. Die Würdigung einer jungen Frau, einer Antifaschistin, die nur 26 Jahre lebte.
Sie wurde am 12. Dezember 1916 in Berlin-Neukölln geboren. Wie ihre vier Jahre ältere Schwester Beatrice kam sie nicht als Heldin auf die Welt, wohl aber als sogenannte Halbjüdin. Nach der Trennung ihrer Eltern wuchsen die Mädchen bei der jüdischen Großmutter auf. Die Mutter starb bald, der Vater kümmerte sich kaum um seine Töchter. Hilde besuchte in Neukölln eine weltliche Reformschule, die Rütli-Schule. Sie war eine ausgezeichnete Schülerin, die sogar einige Klassenstufen überspringen konnte. Als Hilde 17 Jahre alt war, starb die Großmutter, und sie mußte nun für sich selbst sorgen. Zuerst als ungelernte Arbeiterin, dann absolvierte sie in Abendkursen eine Ausbildung zur Sprechstundenhilfe und Röntgenassistentin und fand eine Anstellung bei einem Neuköllner Arzt.
Hilde war hübsch und dunkelhaarig, klein, fast zierlich, sehr lebhaft und kontaktfreudig. Zu ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zählten junge Leute, die Mitglieder in sozialdemokratischen Kinder- und Jugendorganisationen waren, die sich in kommunistischen Schülerorganisationen engagierten oder die in der Deutsch-Jüdischen Jugendgemeinschaft aktiv waren. Manche kannten sich aus dem Fichte-Sportverein, andere aus der Internationalen Arbeiterhilfe. Man traf sich regelmäßig, sang und musizierte miteinander, an den Wochenenden wurde am Rande Berlins gemeinsam gezeltet, und man las auch Marx und Lenin.
Viele dieser Freundeskreise und kleinen Gruppen blieben auch nach Hitlers Machtergreifung zusammen und hielten untereinander Kontakt. Sie bildeten Zirkel, nun schon heimlich und illegal, wo über die Ursachen des Siegs des Faschismus und die Möglichkeiten seiner Überwindung diskutiert wurde. Die Tatsache, daß viele der jungen Frauen und Männer Juden oder "Halbjuden" waren, spielte eine untergeordnete Rolle. Nur wenige lebten in streng jüdischer Traditionen und mit jüdischer Konfession. Erst die Rassenpolitik der Nazis schmiedete sie noch mehr zusammen, so daß sie ihren antifaschistischen Widerstand nunmehr als politisch linke Gegner der Nazis und als diskriminierte und verfolgte Juden betrieben. In den Zirkeln wurde kulturelle und Schulungsarbeit geleistet, doch es ging weit über Studiergruppen hinaus. So beteiligten sich Hilde und Beatrice in einer Gruppe um Joachim Franke daran, Flugschriften zu verfassen und zu verteilen, beispielsweise "An die deutsche Ärzteschaft". Beatrice war technische Zeichnerin, besaß eine Schreibmaschine und schrieb die Wachsmatrizen.
Daß bei solchen Aktionen nicht immer alles glatt ging, mußte auch Hildegard Jadamowitz erfahren, die 1931 Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschlands (KJVD) in Neukölln geworden war und seit 1933 der illegalen KPD-Betriebszelle in der Fa. Lorenz AG (Tempelhof) angehörte. Im Frühjahr 1936 wurde sie verhaftet, mußte aber mangels Beweisen freigesprochen werden.
Zwischen den illegal arbeiten Widerstandgruppen gab es konspirativen Kontakte, etwa zu der von Robert Uhrig und Werner Seelenbinder oder zu der von Karl Kunger, der in der AEG-Apparatefabrik Treptow eine illegale kommunistische Betriebszelle leitete. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Gruppen, auch zur KPD und zum KJVD aufrechtzuerhalten, war lebensgefährlich. Einer der Verbindungsmänner zur KPD war der Chemotechniker Werner Steinbrink, fast gleichaltrig wie Hilde Jadamowitz, die sich in den jungen Mann auch prompt verliebte, mit dem sie schon als Kind in einer Straße gewohnt hatte.
Vor allem aber gab es einen regen Austausch mit der Gruppe um Herbert und Marianne Baum. Deren Mitglieder kamen meist aus der jüdisch-zionistischen Jugendbewegung, darunter besonders viele Frauen und Mädchen. Sie leisteten Fluchthilfe für jüdische Zwangsarbeiter bei Siemens und sabotierten von 1941 bis Sommer 1942 Bahngleise, so daß jeweils für mehrere Tage keine "Judentransporte" in die Vernichtungslager erfolgen konnten.
Höhepunkt und zugleich tragisches Ende des Widerstandes dieser Gruppen war ein Brandanschlag auf die Hetzausstellung der Nazis "Das Sowjet-Paradies" im Berliner Lustgarten am 18. Mai 1942. Gleichzeitig erfolgte eine Flugblattaktion, an der auch Mitglieder anderer Widerstandsgruppen wie der Roten Kapelle beteiligt waren, die ein Zeichen setzten sollte im Kampf gegen Hitler. Auf den Flugblättern stand: "Ständige Ausstellung - das Nazi-Paradies - Krieg. Hunger. Lüge. Gestapo. Wie lange noch?" Doch die Brandsätze funktionierten nur schlecht, statt zu einem lodernden Fanal kam es nur zu einem Schwelbrand.
Gegen die Täter schlug die Gestapo unbarmherzig zu und schnell, vermutlich durch Verrat eines Spitzels. Herbert Baum und Hildegard Jadamowitz wurden am 22. Mai 1942 verhaftet, mit ihnen mehr als 20 jungen Frauen und Männer. Sie alle wurden vom "Volksgerichtshof" fast ausnahmslos zum Tode verurteilt. Die letzten Worte des Todesurteils lauten: "Die an sich ehrlose Handlungsweise der Angeklagten konnte die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte nicht zur Folge haben, da sie als Juden diese nicht besitzen." Herbert Baum wurde wahrscheinlich während der Untersuchungshaft ermordet, doch der offizielle Aktenvermerk lautet auf "Selbstmord durch Erhängen".
Am Abend des 17. August 1942 wurden Hilde Jadamowitz und die anderen verhafteten Frauen vom Frauengefängnis in der Barnimstraße nach Plötzensee gebracht. Am nächsten Morgen um 5.03 Uhr begann das Fallbeil zu arbeiten. Werner Steinbrink starb als erster, seine geliebte Freundin Hilde Jadamowitz zwölf Minuten später. Ihre Würde als jüdische Kommunisten, die sich gegen die Nazis wehrten, ließen sie sich nicht nehmen.
Gedenktafeln am Lustgarten und am Jüdischen Friedhof in Weißensee halten die Erinnerung an sie wach. Hilde Jadamowitz würde im Dezember diesen Jahres ihren 90. Geburtstag feiern.
Marlies Sparmann
Literatur: Regina Scheer, Im Schatten der Sterne. Eine jüdische Widerstandsgruppe, Aufbau Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-351-02581-5
© Friedrichshainer Chronik
Aus: Friedrichshainer Chronik, Februar 2006, Die Straßen Seiten 2/3

